Die Galerie im Ulmer Metzgerturm ist in der Herbst- und Winterpause
Als wir den Ulmer Metzgerturm Mitte Mai 2026 mit der Ausstellung „Equilibrio — Zeichnungen und Druckgrafik“ des Künstlers Johannes Pfeiffer als Galerie auf 6 Stockwerken eröffneten, war das mit Hoffnungen und Erwartungen beim Besucherinteresse verbunden. Mit nahezu 5800 Besuchenden in einem halben Jahr an nur drei Öffnungstagen pro Woche wurden diese mehr als übertroffen. Wichtig: Ohne die Akteure der Stadt und deren Gebäudemanagement, den Denkmalschutz, die vielen Ehrenamtlichen, die als Aufsichten selbst bei unangenehmen Temperaturen für eine geregelte Öffnung sorgten, und die Mitglieder des Kunstvereins wäre dieser Sprung ins kalte Wasser nicht möglich gewesen. Nun befindet sich Ulms schiefer Turm als Galerie in der Herbst- und Winterpause bis Ende April, um das hölzerne Innenleben des historischen Bauwerks zu schonen. Wir freuen uns auf ihren Besuch im kommenden Jahr.
Am Anfang des ehrgeizigen Projekts war die Kunstverspannung und der um das Jahr 1349 noch vor dem Münster erbaute Ulmer Metzgerturm, ohne Frage eines der populärsten historischen Denkmäler der Stadt, wurde im April 2022 zum Kunstobjekt. Johannes Pfeiffers Seilinstallation veränderte seither nicht nur den Blick auf Ulms schiefen Turm. Die von Martin Rivoir als Projektleiter angeschobene Kunst-Verstrippung intensivierte zudem bei den zuständigen Behörden das Nachdenken darüber, ob man den Turm trotz seiner steilen Holzstiegen und der Schräglage einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen könne. Einen weiteren Schub bekam diese Idee, als die Statik des Turms mit einem am Ende erfreulichen Ergebnis überprüft wurde. Dabei wurde klar, dass die Sanierung und Renovierung des Turm-Innenlebens durch die Stadt Ulm zwingend erforderlich war — immer im Einklang mit dem auf Erhalt bedachten Denkmalschutz.
Als sich die Stadt Ulm dazu entschloss, die temporäre Installation des Künstlers Johannes Pfeiffer zu erwerben und dauerhaft am Turm zu belassen, kam die Idee, den Turm in eine Galerie zu verwandeln, ausgerechnet vom Regierungspräsidium. „Der Kunstverein Ulm bot sich als ein Partner der Stadt für diese Idee der Galerie-Nutzung an, hat den Metzgerturm mit Kunst gefüllt und als Träger einer breiten Öffentlichkeit mit geregelten Öffnungszeiten zugänglich machen können“, betont Milica Jeremic, Leiterin des Gebäudemanagement der Stadt Ulm. Auch Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher, der am Tag der Deutschen Einheit, die 5000. Besuchende der Galerie des Kunstverein Ulm im Metzgerturm begrüßte, war von der Verwandlung des Turms zur Galerie begeistert und nahm sich rund um die Überreichung eine Stunde Zeit, die Ausstellung zu erleben und mit Besuchenden zu sprechen. Gemeinsam mit Wolfgang Röhr, dem 1. Vorsitzenden des Kunstverein Ulm, und Martin Rivoir, dem Initiator der Kunst-Werdung des Metzgerturms, beschenkte er die freudig überraschten Besucherinnen Berfin Emsiz aus Ulm und Elisa Hermann aus Neu-Ulm jeweils mit einem kleinen Metzgerturm und einem Kunstdruck (siehe Foto).

Wolfgang Röhr (1. Vorsitzender des Kunstverein Ulm), Berfin Emsiz, Martin Rivoir, Elisa Hermann und Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (von links). @Foto: Udo Eberl
„Als die Idee, den Metzgerturm zur Galerie werden zu lassen, mit uns, dem Kunstverein-Team, besprochen wurde, waren wir sofort Feuer und Flamme. Wir sehen hier viele Möglichkeiten, uns mit der Kompetenz eines sehr lebendigen und wachsenden Kunstvereins einzubringen. Das betrifft die Ausstellungen genauso wie die Organisation der Öffnungszeiten und den Umgang mit dem zu erwartenden großen Besucherinteresse“, erklärt Wolfgang Röhr, der 1. Vorsitzende des Kunstverein Ulm, der den Turm wie Martin Rivoir, Beirat des Kunstvereins, zu einem Herzensprojekt gemacht hat. „Wir sozusagen ins kalte Wasser gesprungen, denn bei den laufenden Kosten für das Gebäude selbst hat uns die Stadt eine goldene Brücke gebaut. Die Kosten für den Ausstellungsbetrieb bringen wir allerdings als Verein auf“, betont Röhr und fügt hinzu, dass die erste Ausstellung mit Arbeiten von Johannes Pfeiffer dank einer Projektförderung der Kulturabteilung der Stadt Ulm und die finanzielle Unterstützung der Ulmer Bürger Stiftung deutlich leichter zu stemmen war.
Die Möglichkeiten sind in den verhältnismäßig kleinen Räumen zwar durchaus begrenzt, aber „der Originalzustand des Turms hat natürlich einen ganz besonderen Charme, und es gibt bereits einige Künstlerinnen und Künstler, die sich gut vorstellen können, ihn im kommenden Jahr mit ihren kreativen Ideen zu füllen“, weiß Michael Günzer, der 2. Vorsitzende des Kunstverein Ulm. In den kommenden Monaten des Winterschlafs geht es für den Kunstverein vor allem darum, die Aufsichtszeiten im Metzgerturm auf noch breitere ehrenamtliche Beine zu stellen und weitere private Sponsoren für notwendige Anschaffungen und die Betriebskosten zu finden. Kunstverein-Geschäftsführer Udo Eberl hofft zudem, dass „die Ulmerinnen und Ulmer die Öffnung des Metzgerturms ebenso wie wir als ein bürgerschaftliches Projekt wahrnehmen und wir etliche Fördernde und Unterstützende dafür begeistern können, den Betrieb für das kommende Jahr und hoffentlich auch für die Folgezeit zu sichern.“
In eine wirtschaftliche Schräglage, das ist jetzt bereits sicher, wird der Kunstverein Ulm passend zum Turm nicht kommen. Auch wegen der großen Spendenbereitschaft der begeisterten Besuchenden. Apropos Schräglage:
Der um das Jahr 1340 fertiggestellte Ulmer Metzgerturm wird regelmäßig überwacht, ob er weiter absinkt. Dem ist aktuell nicht so. Der Metzgerturm, der sich bei einer Höhe von 36,1 Metern um 2,05 m nach Nordwesten neigt, wurde bereits im Jahr 1911 durch ein Betonfundament stabilisiert und sein Neigungswinkel liegt mit 3,3 Grad gar nicht so weit von dem des Schiefen Turms von Pisa (3,97°) entfernt.